Auch wenn wir schon vielfach und ausführlich über die Wirkungen des Vitamin D berichtet haben. In einer Serie über „die Stärkung des Immunsystems“ darf das Vitamin D jedoch nicht fehlen. Auch über das Vitamin D gibt es ganze Bücher, man könnte tagelang darüber schreiben. Da wir aber seit geraumer Zeit und gerade derzeit besonders erleben, dass immer viel erzählt wird, viel geschrieben wird (gerade von der Presse und anderen Medien) ohne echte Grundlagen, ohne wirkliche wissenschaftliche Daten und sehr oft sogar (schon sträflich) ohne Quellenangaben, wollen wir in dieser Immunserie nur tatsächliche wissenschaftliche Daten präsentieren. Leider wird häufig und zunehmend auch von Fachleuten einfach irgendetwas behauptet, was einer strengen wissenschaftlichen Prüfung nicht standhält. Daher wollen wir uns in dieser Serie aber ganz auf wissenschaftliche Studien zum Thema „Immunsystem stärken“ beschränken. Wir wollen wissen: was hilft wirklich dem Immunsystem und schützt vor Infektionen (gerade Atemwegsinfektionen interessieren uns ja derzeit besonders) und was ist tatsächlich wissenschaftlich bestätigt.

  1. Eine placebo-kontrollierte, prospektive, randomisierte Doppelblindstudie (also der Goldstandard unter den Studien) über die Dauer von oberen Atemwegsinfekten schon mit der (sehr geringen) Dosis von 10 µg Vitamin D (400 IE) pro Tag über 16 Wochen im Vergleich zu Placebo konnte eine Reduktion der Krankheitsdauer um 23 % (von Durchschnittlich 13 Tagen auf 10 Tage) erzielen (1).
  2. Nicht nur die eher harmlosen „oberen Atemwegsinfekte“ wie in (1) beschrieben interessieren uns, sondern ja besonders die Rate an Pneumonien (Lungenentzündungen). Auch wurde in (1) jedem, unabhängig vom Blutspiegel, einfach 400 IE Vitamin D gegeben. Die spannende Frage ist aber, wie verhält es sich mit dem Blutspiegel vom Vitamin D. Hierzu eine spannende Arbeit: Es wurde der Zusammenhang vom Vitamin D Spiegel und der Rate an Lungenentzündungen bei älteren Patienten ermittelt. Ergebnis: von den Patienten mit Lungenentzündung hatten 71,4 % einen Vitamin D Mangel im Gegensatz zu 19,3 % Vitamin D Mangel bei denen ohne Lungenentzündung. (2)
  3. Ähnlich wie für ältere Patienten wie aus (2) ist das gleiche auch für Kinder beschrieben worden. Kinder mit einem Vitamin D Mangel haben ein erhöhtes Risiko für das Erleiden einer Lungenentzündung (3). Eine weitere Studie zeigt dasselbe Ergebnis auch für Neugeborene/Frühchen (4).
  4. In dieser Laborarbeit (5) wurde gezeigt, inwiefern Vitamin D die Schwere der Entzündung bei interstitieller Pneumonie lindert und das Lungengewebe schützt. Erwähne ich daher, da wenn wir umgangssprachlich von „Stärkung des Immunsystems“ sprechen, es wichtig ist zu wissen, dass es molekularbiologisch nicht einfach immer nur zu einer Aktivierung (man könnte dann ja auch denken „Überaktivierung“) kommt, sondern zu einer optimierten Funktion, einer Regulierung des Immunsystems. Denn gerade Vitamin D ist auch gegen Autoimmunerkrankungen hilfreich. Daher bitte ich die „Stärkung“ als sprachliche Vereinfachung hinzunehmen und für wissenschaftlich Interessierte: wir sehen in den Studien eine Optimierung und eine kontrollierte Regulation des Immunsystems. Das Immunsystem ist sehr komplex, es werden einzelne Faktoren hochreguliert, andere herunterreguliert und man hat dadurch im wünschenswerten Fall eine Optimierung (wir reden dann eben einfachheitshalber von „Stärkung“)
  5. Bisher alles nur kleinere Arbeiten und Studien. Da könnte man jetzt Fragen: wo bleibt der Beweis? Ok, hier ist er: eine große Meta-Analyse von 2019 über 8 Studien an 20.966 Menschen über den Vitamin D-Spiegel und das Risiko einer Pneumonie (6). Ergebnis: ein Vitamin D-Mangel erhöhte das Risiko einer Lungenentzündung (community-acquired pneumonia?CAP) auf das 1,64 fache (odds ratio) oder anders: Vitamin D Mangel bedeutet 64 % höheres Lungenentzündungsrisiko. Wer jetzt denkt, ach, das bisschen Lungenentzündung: in den USA gibt es pro Jahr ca. 5,6 Millionen Lungenentzündungen wovon ca. 1,1 Millionen ins Krankenhaus müssen.  Von diesen hospitalisierten Patienten ist die Sterblichkeitsrate innerhalb von 30 Tagen 20 % und innerhalb eines Jahres 30 %. Heißt ca. 330.000 Tote durch Lungenentzündung (man beachte: das sind regelmäßig ca. 900 Tote jeden Tag, das ganze Jahr hindurch). Rechnerisch, ohne Vitamin D-Mangel kämen wir dann auf 201.000 Tote. Heißt 129.000 weniger Tote nur an Lungenentzündung nur in den USA nur durch Vitamin D. Daten aus einer großen Metaanalyse. Aber Vitamine bringen ja nichts laut den Massenmedien.
  6. Nur eine große Arbeit von 2019 unter Punkt 5? Nein, wir wollen uns nicht auf ein paar wenige Wissenschaftler verlassen, daher noch eine weitere Analyse: eine Gruppe der Harvard Medical School hat 2013 eine ähnliche Untersuchung gemacht: eine Analyse von 1975 Menschen. Ergebnis: die mit einem Vitamin D Spiegel unter 30 ng/ml hatten ein 56 % höheres Risiko eine Lungenentzündung zu erleiden (7).
  7. Zum Schluss noch was anderes als Lungenentzündung. Krankenhausinfektionen. Eine ganz aktuelle, prospektive Studie im März 2020 veröffentlicht: der Vergleich vom Vitamin D Spiegel und der Rate an nosokomialen Infektionen nach Leberchirurgie. Ergebnis:  ein höherer Vitamin D Spiegel senkt das Risiko einer im Krankenhaus erworbenen Infektion (sogenannten nosokomiale Infektion). Spannend, je höher der Vitamin D Spiegel, desto niedriger das Risiko. In der Studie wurde herausgerechnet: für jeden Anstieg des Vitamin D Spiegels um 26,2 nmol/l kam es zu einer 34-%-igen Reduktion der Infektionsrate. (8)

 

 

7 Studien, z. T. Metaanalysen mit tausenden Probanden, die die Wirkung von Vitamin D gegen Infektionen belegen. Vor allem auch Atemwegsinfekte und da ganz besonders die Lungenentzündung, was uns ja derzeit besonders interessiert.  Davon gibt es viele weitere Veröffentlichungen. Wenn ich die alle aufzeigen wollte, würde dieser Artikel frühestens in einem Jahr erscheinen. Ich denke aber die Grundaussage ist klar. Dass Vitamin D unser Immunsystem unterstützt, fit hält und „stärkt“, ist in vielen wissenschaftlichen Veröffentlichungen eindeutig belegt. Wir sehen in den Studien, das diejenigen besser und aussagekräftiger sind, die den Vitamin D-Spiegel berücksichtigt haben. Es kommt also beim Vitamin D ganz besonders auf den Laborwert an. Normwert: 30 - 100 ng/ml. Zielwert: 70 ng/ml (60 - 80).

Und diese extremen Wirkungen aus den Studien „nur“ alleine durch das Vitamin D. Wie wir gesehen haben, wirkt aber auch „nur“ Vitamin C und „nur“ Zink alleine schon erheblich. Was, wenn man alle 3 kombiniert? Was wenn man ALLE 47 essentiellen Nährstoffe in ausreichender Menge zuführt, für eine optimale Funktion des Immunsystems?

 

Quellen:

  1. J Nutr Health Aging. 2018;22(4):491-500. doi: 10.1007/s12603-017-0952-x.Intake of 25-Hydroxyvitamin D3 Reduces Duration and Severity of Upper Respiratory Tract Infection: A Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel Group Comparison Study.Shimizu Y1, Ito Y, Yui K, Egawa K, Orimo H.
  2. Z Gerontol Geriatr. 2018 Jun;51(4):435-439. doi: 10.1007/s00391-017-1237-z. Epub 2017 May 5.Link between community-acquired pneumonia and vitamin D levels in older patients.Lu D1, Zhang J2, Ma C3, Yue Y1, Zou Z1, Yu C1, Yin F4.  Zitat auf Deutsch in : MMW Fortschr Med. 2017 Nov;159(19):42. doi: 10.1007/s15006-017-0268-0.Vitamin-D-Mangel begünstigt Pneumonien.[Article in German]Heppner HJ1.
  3. Zhongguo Dang Dai Er Ke Za Zhi. 2013 Jul;15(7):519-21.[Correlation between serum vitamin D level and severity of community acquired pneumonia in young children].[Article in Chinese]Ren J1, Sun B, Miao P, Feng X.
  4. Open Access Maced J Med Sci. 2019 Dec 14;7(23):3970-3974. doi: 10.3889/oamjms.2019.592. eCollection 2019 Dec 15.Vitamin D Status in Neonatal Pulmonary Infections: Relationship to Inflammatory Indicators.El-Kassas GM1, El Wakeel MA1, Elabd MA1, Kamhawy AH1, Atti MA1, El-Gaffar SAA2, Hanafy SK3, Awadallah E4.
  5. J Clin Biochem Nutr. 2019 Nov;65(3):245-251. doi: 10.3164/jcbn.19-48. Epub 2019 Sep 11.Pulmonary activation of vitamin D3 and preventive effect against interstitial pneumonia.Tsujino I1, Ushikoshi-Nakayama R2, Yamazaki T2, Matsumoto N2, Saito I2.
  6. Medicine (Baltimore). 2019 Sep;98(38):e17252. doi: 10.1097/MD.0000000000017252.The association between vitamin D deficiency and community-acquired pneumonia: A meta-analysis of observational studies.Zhou YF1, Luo BA2, Qin LL3.
  7. PLoS One. 2013 Nov 15;8(11):e81120. doi: 10.1371/journal.pone.0081120. eCollection 2013.
  8. Vitamin D status and community-acquired pneumonia: results from the third National Health and Nutrition Examination Survey.Quraishi SA1, Bittner EA, Christopher KB, Camargo CA Jr.Author informationHarvard Medical School, Boston, Massachusetts, United States of America ; Department of Anesthesia, Critical Care and Pain Medicine, Massachusetts General Hospital, Boston, Massachusetts, United States of America.
  9. PLoS One. 2020 Mar 26;15(3):e0230336. doi: 10.1371/journal.pone.0230336. eCollection 2020.Association between preoperative levels of 25-hydroxyvitamin D and hospital-acquired infections after hepatobiliary surgery: A prospective study in a third-level hospital.Laviano E1, Sanchez Rubio M1, González-Nicolás MT1, Palacian MP2, López J3, Gilaberte Y4, Calmarza P5, Rezusta A2, Serrablo A1.